
Aha, so geht das.
Als regelmässige Leser dieses Blogs wissen Sie, dass Frau Lu schwanger ist, inzwischen ist sie mit Elan in den siebten Monat gestartet. Am 8.8. soll es soweit sein (八月八号 ba yue ba hao – ein dermassen glücksverheissendes Datum, dass unsere Hebamme Saltos schlug), und weil Kinderkriegen in China – nicht zuletzt der 1979 eingeführten Ein-Kind-Politik wegen – ein grosses Thema ist, und die Chinesen ohnehin nicht zurückhaltend sind mit Vor- und Ratschlägen für alle Lebenslagen, muss sich Frau Lu den lieben langen Tag lang so einiges anhören.
„Was? Du arbeitest immer noch?“
„Was? Du trinkst Kaffee?“
„Was? Du trägst hohe Absätze?“
Es gibt kaum ein Thema – abgesehen vom Essen – um das sich ähnlich viele Mythen ranken wie die Schwangerschaft. Vieles erscheint uns unsinnig, manches bringt uns zum Lachen, einiges kommt uns bekannt, anderes komisch vor.
Beispiele? Davon gibt es genug.
Beginnen wir beim Essen. Grundsätzlich gelte es, keine kalten Speisen zu sich zu nehmen, wird Frau Lu häufig mitgeteilt. Sonst friere das Baby ein. Also nichts Gefrorenes, keine kalten Getränke, Eiswürfel und dergleichen. Auch keine Esswaren, die Kälte (阴 yin) in den Körper transportieren, Krabbenfleisch, Bananen oder Tomaten zum Beispiel.
Nüsse hingegen sollen gut sein während der Schwangerschaft, angeblich machen sie das Baby intelligent. Leider konnte mir bisher niemand sagen, ob die Art von Nuss einen Unterschied macht. Kann ein Kind, dessen Mutter während der Schwangerschaft viele Erdnüsse knabberte, besonders gut Spanisch?
Dass Frau Lu morgens regelmässig Kaffee trinkt, wird von vielen Arbeitskolleginnen gar nicht goutiert. Das viele Feierabend-Tsingtao erwähnt sie daher lieber gar nicht (ja was denken Sie, woher dieser Bauch kommt? Vom Fruchtwasser?).
Auch das Tragen eines Strahlenschutzes verweigert Frau Lu bisher konsequent. Aus Furcht vor Elektrosmog schnallen sich viele Chinesinnen während der Schwangerschaft eine Bleischürze um. Vielleicht kann ich sie noch überzeugen. Sähe bestimmt sauglatt aus.
Interessant finde ich den Tipp, nach der Geburt des Kindes die Haare kurz zu schneiden. Um diesen Tipp zu erklären, muss ich etwas ausholen. Offensichtlich erachtet man den weiblichen Körper nach der Niederkunft (ein tolles Wort, oder?) als dermassen geschwächt, dass jegliche Anstrengung, zuviel Lärm und sogar Sonnenlicht vermieden werden sollte, ansonsten drohen lebenslange Schäden. Deshalb legen sich viele Chinesinnen während eines ganzen Monats in einen abgedunkelten Raum und tun gar nix ausser Essen und Ausruhen. Sogar aufs Duschen verzichten sie während einiger Wochen, und bei dieser Übung sind kurze Haare schlicht praktischer als eine Lockenpracht. Duschen ist übrigens darum besonders gefährlich, weil Wind in den entblössten Frauenkörper eindringen könnte. Wind im pathogenen Sinn, übrigens. Die traditionelle chinesische Medizin kennt verschiedene Körperklimata, und wer zuviel Wind (oder Hitze, oder Feuchtigkeit…) im Körper hat, kann daran erkranken (ich persönlich kenne ein tolles Mittel, wie man den Wind im Körper wieder loswird, es funktioniert vor dem Fernseher besonders gut, aber das gehört jetzt nicht hierhin).
Erstaunt hat uns auch die Warnung einer guten Freundin von uns, als wir ihr mitteilten, auf dem Weg in die Fussmassage zu sein. Uii, gefährlich!, warnte sie uns. Angeblich gäbe es im Bereich um den Knöchel bestimmte Triggerpunkte, die Unterleibskontraktionen auslösen können. Lu Junior – rausmassiert im siebten Monat? Nicht auszudenken. Wir nahmen den Rat dankend an und verbrachten eine weniger entspannte Massage als auch schon.
A propos Lu Junior. Viele Chinesen erstaunt es, dass wir bereits nach wenigen Monaten wussten, dass es sich bei unserem Kind um einen Jungen handelt. Chinesischen Eltern wird das Geschlecht nur gegen Zahlung nicht verraten, was daran liegt, dass in vielen Regionen des Landes Jungen den Mädchen vorgezogen werden (in gewissen Bevölkerungsgruppen liegt das Missverhältnis bei 126 zu 100). Aber eigentlich braucht man gar keinen Ultraschall. Frau Lus Bauch deute nämlich glasklar auf einen Jungen hin, so ihre Kolleginnen, schliesslich sei er spitz geformt. Ein Mädchen gibts dann, wenn er sich zur Seite wölbt. Aha.
Zum Schluss noch eine Anekdote zum Thema Aufklärung. Eine von Frau Lus Freundinnen verriet ihr letztens, ihre Mutter habe ihr als Kind erzählt, Babys kämen bei der Frau aus der Achselhöhle raus. Aus der Achselhöhle! Wie viel grossartiger kann eine Lüge sein? Gut, der Storch ist auch nicht schlecht, aber die Achselhöhle ist unschlagbar. Mal sehen, ob ich unserem Junior dereinst solche Bären aufbinden kann („Kinder? Die wachsen an schattigen Stellen in feuchten Kellern und werden stets im August geerntet.“)

Nichtsdestotrotz findet Frau Lu, man könne sich kaum einen besseren Ort für eine Schwangerschaft vorstellen als China. Die Menschen sind Schwangeren gegenüber sehr zuvorkommend, im Büro sorgt man sich um ihr Wohlbefinden, in der Metro hat sie stets einen Sitzplatz.
Und ein paar gute Tipps gibts gratis obendrauf.





