Ich weiss noch, wie meine Kollegen, die als Teenager ein Austauschjahr im Ausland verbrachten, den Moment finaler Assimilation in einem fremden Land definierten, denn es hat mich immer beeindruckt: “Wenn Du morgens aufwachst, und merkst, dass Du in einer fremden Sprache geträumt hast”, sagten sie jeweils, “dann weisst Du, dass Du angekommen bist.”
Ich hatte heute ein ähnliches Erlebnis. Nicht, dass ich auf dem Flug von Zürich nach Shanghai auf Chinesisch geträumt hätte, nein (ich träume vielmehr davon, dereinst auf Chinesisch zu träumen), aber das Gefühl war recht ähnlich.

Nach zweieinhalb tollen Wochen in der Schweiz, die ich mit Familie und Freunden, in Sonne und Schnee, mit Bier, Brot und Bratwurst verbringen durfte, hatte ich etwas Bammel, wieder nach Shanghai zurückzukehren. Herr Dangerous hatte mir berichtet, es regne seit meiner Abreise Mitte Februar fast ununterbrochen, und dies bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Wie das mein rehelvetisiertes Gemüt wohl vertragen würde? Gerade erst hatte ich mich wieder an geheizte Wohnungen, trinkbares Leitungswasser und frische Luft gewöhnt…
Ich landete um 7.30 Uhr, ein schwerer grauer Himmel drückte den Smog tief auf den Horizont, und leichter Nieselregen fiel auf die Tragflächen des Flugzeugs, als wir über die Landebahn rollten. Mit bleiernen Lidern stand ich eine halbe Stunde im Flughafengebäude herum, bis mein Gepäck angekommen war und ich die Zollkontrolle passiert hatte.
Ich nahm ein Taxi, nannte dem Fahrer die Adresse und verkroch mich auf den Rücksitz.
Und als draussen die Aussenbezirke Shanghais vorbeizogen, nass und kalt, laut und dreckig, als ich die Fahrradfahrer beobachtete, die in leuchtend gelben Parkas quer über die Autobahn radelten, den Taxifahrer, der jedes dieser Manöver energisch behupte, während die Gischt durch das offene Fenster hereinspritzte, merkte ich plötzlich, wie mir warm wurde ums Herz.
Ich realisierte, dass ich zum ersten Mal ein Gefühl richtigen Heimkehrens verspürte, dermassen vertraut war mir die ganze Szene. Ich kannte den Radiosender, der lief, die Baustellen, die wir passierten, die Hochhäuser, die Brücken, die Strassenschilder, die Werbeplakate.
Noch vor einem Jahr hätte ich es für fast unmöglich gehalten, aber heute Morgen wurde es mir klar. Herr Lu ist angekommen in Shanghai. Auch bei schlechtem Wetter.





