In den vergangenen Tagen erhielt ich Kommentare und private Mails, die mich dazu aufforderten, Stellung zu nehmen zu den Vorkommnissen in Tibet. Man könne doch kein Chinablog schreiben, ohne sich dieses Themas anzunehmen, lautete die Meinung. Dazu möchte ich mich in zwei Punkten äussern.
1. China wird meiner Meinung nach in den westlichen Medien einseitig dargestellt. Eine grosse Mehrheit der Beiträge handelt von Repression, Politwillkür, Umweltverschmutzung und Produktpiraterie. Viele Menschen in der westlichen Welt haben konsequenterweise ein sehr schlechtes Bild von China, und sie unterscheiden dabei nicht zwischen der KP, der Wirtschaftselite und dem normalen Volk. China ist böse, wir sehen es ja Tag für Tag am Fernseher. Dieses Image wird dem Land in keiner Weise gerecht, und ich habe mir vorgenommen, als Journalist nach China zu kommen, der zeigt, dass es hier auch glückliche Menschen gibt. Fröhliche, freie, kreative Menschen. Dass es Humor gibt, Liebe und Leidenschaft, dass die Freude am Leben auch hier existiert. Und zwar nicht nur bei dreisten Parteigünstlingen. Ich betrachte mit bestem Wissen und Gewissen lieber die sonnige Seite Chinas, weil ich weiss, dass sich eine erdrückende Mehrheit meiner Berufskollegen vorwiegend den schattigen Stellen widmet.
2. Das bedeutet nicht, dass ich zu den negativen Seiten Chinas keine Meinung habe. Wer mich kennt, oder regelmässig meinen Blog liest, kann sich vorstellen, was ich davon halte, wenn die Polizei auf Demonstranten losgeht. Leider verwechseln viele Journalisten ihre persönliche Lust auf eine pointierte Meinung mit einem Persilschein, über alles und jeden urteilen zu können. Was kann ich Ihnen schon zur Lage in Lhasa erzählen, liebe Leserinnen und Leser? Lhasa ist exakt 3000 Kilometer von hier entfernt, gleich weit wie die georgische Hauptstadt Tiflis von Bundesbern. Wenn ich Ihnen etwas zu Tibet erzählen will, dann muss ich nachplappern, was Leute vor Ort berichten. Oder Leute, die jemanden kennen, der jemanden kennt, der vor Ort ist. Oder kürzlich war. Oder so. Das hat nichts mit gutem Journalismus zu tun.
Ja, ich habe eine Meinung zur Situation in Tibet. Ist sie objektiv? Beruht sie auf Fakten, die ich selbst recherchiert habe? War ich je dort? Kenne ich Tibeter? Exiltibeter? Nein. Darum masse ich es mir nicht an, hier darüber zu schreiben. Sollten je in Shanghai Steine fliegen, dann können Sie Gift darauf nehmen, dass ich Sie bis ins kleinste Detail darüber informieren werde.
Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass die Unruhen in Tibet hier in Shanghai kein Thema zu sein scheinen. Wenn die Medien darüber berichten, dann über den Panchen Lama, der die aufständische Haltung als un-buddhistisch verurteilt. Die Regierung kontrolliert den Informationsfluss genau, in den letzten Tagen wurde auch immer wieder von Blackouts bei Youtube, CNN und BBC berichtet. Ich wurde seit Beginn der Unruhen noch von keiner einzigen Person auf das Thema angesprochen, kann aber auch diesbezüglich nicht behaupten, dass ich ein objektiver Sensor der öffentlichen Meinung wäre.
Infos zur aktuellen Lage in den Unruhegebieten gibt es zum Beispiel hier, hier und hier.





