Nicht an „Lost in Translation“ denken.
Nicht an „Lost in Translation“ denken.
So lautet mein Mantra, seit ich am Freitagmittag chinesischen Boden betreten habe. Und ich muss zugeben: Es fällt mir schwer. Die ersten 24 Stunden waren aufregender, zermürbender, verwirrender und ereignisreicher, als ich sie mir vorgestellt hatte. Aber der Reihe nach.
Flug, Passkontrolle, Zoll – alles kein Problem. Freundliche Menschen, deren Service man noch am Schalter per Knopfdruck bewerten kann, kurze Wartezeiten, englische Hinweisschilder. Schwierig wurde es erst, als wir unserer chinesischen Zweitfamilie, den Wangs, die uns am Flughafen abholten, erklärten, wir müssten noch die 188 Kilo Fracht, die wir ein paar Tage zuvor aufgegeben hatten, abholen. Fracht? Frachtflughafen? Zěnme le?
Wir fragten gefühlte 1,2 der insgesamt 1,3 Milliarden Chinesen nach dem Weg, durchquerten verschiedenste Terminals, fuhren Lift und Rolltreppe und Förderband und machten uns schliesslich im völlig überdimensionierten Wagen der Wangs auf den Weg zu einer Behörde, die uns weiterhelfen sollte. Vielleicht. Ausserhalb des Flughafens herrschte sturmsdicker Nebel, und zwar so sturmsdick, wie er bei uns nur in den obersten Schichten eines Nebelmeers vorkommt, ausserdem war es feucht wie in einem Tropenhaus, und saukalt. Baba Wang lenkte den Wagen gekonnt durch die milchige Suppe, und obwohl er es ohne Licht und im Schneckentempo (auf der Überholspur) tat, erreichten wir kurze Zeit später das Bürogebäude einer Frachtfirma, wo man uns auch wirklich weiterhelfen konnte. Wir erhielten eine Anweisung, welchen Ämtern wir einen Besuch abzustatten hatten, und machten uns wieder auf den Weg.
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Die Details der darauffolgenden Odyssee erspare ich Ihnen. Nur ein Beispiel: Auf dem „International Express Shanghai Customs Supervision Center“ wechselten wir mehrmals zwischen drei Schaltern hin und her, jenem für „Non-Trade Air Article“, jenem für „Diplomatic Article“ und jenem der China Industrial and Construction Bank (oder so), hinter dessen Scheibe ein Mann inmitten von Papiertürmen auf einem Rechenschieber die fälligen Gebühren ermittelte. Wir zahlten hier und dort ein wenig, wurden angerempelt, rempelten zurück, wedelten mit Papieren, mussten den gesamten Inhalt unseres Frachtguts (11 Kisten, 188 Kilo, von A wie Anzughosen bis Z wie Zahnpasta) im Detail deklarieren, was wir weder konnten noch wollten (noch taten) und durften schliesslich weitere Papiere mit weiteren Stempeln entgegennehmen, die wir auf weiteren Ämtern vorzuzeigen hatten. Zum Glück stand uns Mama Wang lautstark zur Seite, ohne sie hätten wir wohl Tage gebraucht, um diesen Bürokratie-Parcours zu absolvieren.
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Mitten in dieses kafkaeske Erlebnis schoben sich immer wieder kleine Inseln völliger Absurdität, ein Strassenschild etwa, das in einem traurigen, graubraunen Flecken Erde steckte, und den Leser anwies: „Take care of the lawn, please don’t trample on her!“ Oder ein Mann, der auf einem Moped vorbeifuhr, das mit Leopardenpelz bezogen war. Ganz. Vom Auspuff bis zum Lenker. Wir konnten nur noch staunen.
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Nach rund 5 Stunden erreichten wir die Lagerhalle 402, wo man uns ruckzuck die 11 Kisten rausrückte, die wir, dem überdimensionierten Wagen sei Dank, allesamt im Kofferraum verstauen konnten. Geschafft.
Dachten wir.
Es folgte eine zweieinhalbstündige Rückfahrt vom Flughafen in die Stadt, in dichtem Nebel und noch dichterem Verkehr. Baba Wang blieb die Ruhe selbst, überholte links, halblinks, rechts und aussen rechts, hupte und bremste und palaverte dabei fröhlich mit Frau Xie über unsere Heimat, in der man – was ihn sehr amüsierte – ein solches Verkehrschaos noch nie gesehen hat.
Um 20 Uhr Ortszeit erreichten wir unser neues Zuhause im 37. Stock, das wir aber sogleich wieder verliessen, um bei „Jia Le Fu“ (Dsialefu – Carrefour) allerhand Notwendiges für die Wohnung einzukaufen – Decken und Kissen, Handtücher, Seife und Kaffeepulver.
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Danach genossen wir bei „Dong Jia“ ein hervorragendes Nachtessen und stiessen mit ein paar Flaschen Tsingtao auf unsere Erlebnisse an. Auch die Wangs waren sichtlich geschafft, wir konnten ihnen gar nicht genug danken für die Unterstützung.
Die letzte Herausforderung des Tages bestand darin, die Wohnung in einen Aggregatszustand zu bringen, in dem organisches Leben möglich ist. Dazu muss man wissen, dass südlich des Yangtze keine Heizungen in die Häuser eingebaut werden, getreu dem Motto „ist ja nicht kalt hier unten“. Zwar verfügen sämtliche drei Zimmer unserer Wohnung über eine Klimaanlage, mit der man warme Luft in den Raum blasen kann, was aber auch nur eine temporäre Lösung ist, denn stellt man die Wärmezufuhr wieder ab, kalten die Räume innert Minutenfrist aus. Die einzig langfristige Lösung lautet: Warm anziehen. Auch im Bett.
Gegen die feuchte Kälte Shanghais können nicht einmal die Wolldecken von Jia Le Fu etwas ausrichten.
Der Schlaf dauerte genau von Mitternacht bis 01.40 Uhr an.
Nicht an „Lost in Translation“ denken.





