Die Reisesaison hat begonnen, geschätzte Leserinnen und Leser, Herr Lu und Frau Xie kriegen Besuch. Anfang Woche waren Frau Florence und Herr Thomas auf Visite, mit Frau Florence habe ich vor Urzeiten mal bei einer grossen Schweizer Wirtschaftszeitung gearbeitet (gibts die überhaupt noch?), ihren liebenswürdigen nanpengyou, Herrn Thomas, lernte ich erst hier in Shanghai kennen. Auch er ist Journalist.
Wir taten also, was Journalisten immer tun, wir rauchten Zigaretten und tranken Bier und unterhielten uns über Gott und die Welt. Und China. Hier kommt das Visitor File Nummer 4.

CBR: Frau Florence, sind Sie zum ersten Mal in China?
Frau Florence: Oh nein, zum (überlegt)… sechsten Mal glaub’.
Zum sechsten Mal? Sie sind also erklärter China-Fan?
(F) Nein, so würde ich das nicht sagen. Ich habe Anfang der Neunziger mal ein Austauschjahr in Beijing gemacht und seither hat es mich halt immer wieder mal hierher gezogen. China ist ein sehr spannendes Land.
Und Sie, Herr Thomas? Auch zum sechsten Mal hier?
Herr Thomas: Nein, zum zweiten Mal.
Gefällts Ihnen soweit?
(T) Sehr gut, ja. (grinst) Man isst so gut japanisch.
Ich wusste, dass Sie mich dafür noch piesaken würden. Aber man kann auch in China nicht immer zum Chinesen gehen. (Das Gespräch fand in einem japanischen Teppanyaki-Restaurant statt, Anm.d.Red.)

(T) War ja auch nur ein Witz. Nein, mir gefällts wirklich sehr gut hier, ich mag die vielen Leute, das Chaos, die unfassbaren Gegensätze in diesem Land. Und im Vergleich zu meinem letzten Besuch vor zweieinhalb Jahren ist der Wandel wirklich sichtbar.
Wo hat es Ihnen besonders gut gefallen?
(T) In Chongqing.
Was? Die Stadt hat ja nicht eben den besten Ruf…
(T) Vielleicht gerade deshalb. Wir waren sehr positiv überrascht. Es herrscht eine spürbare Aufbruchstimmung dort, eine Überzeugung, dass eine bessere Zukunft nicht nur machbar, sondern planbar ist. Das ist faszinierend. In China gefällt mir ausserdem, dass alles so unformell ist. Man gibt sich, wie man ist, man tut was man will. Ich fühle mich sehr frei hier.
(F) Ja gut, dort, wo man noch nicht so häufig Ausländer gesehen hat, fühlt man sich schon etwas weniger frei und unbeobachtet.
(T) Ja, klar. Ich meine das ganz grundsätzlich, etwa im Vergleich zu Japan.
Hat es auch Ihnen in Chongqing am besten gefallen, Frau Florence?
(F) Chongqing war die Entdeckung dieser Reise, ganz klar. Die Stadt wird unterschätzt. Aber leben würde ich nach wie vor lieber in Shanghai oder Beijing. Ich habe bei diesem Besuch wieder gemerkt, was für eine unglaublich schöne Stadt Shanghai eigentlich ist. Es gibt so viel zu entdecken hier, und man stösst viel häufiger auf das alte Shanghai, als man es erwartet. Was mir ebenfalls sehr gut gefällt, ist Xi’an, jetzt mal ganz abgesehen von den Terrakotta-Kriegern. Xi’an ist eine sehr charaktervolle Stadt.
Was mögen Sie nicht an China?
(F + T) Das Spucken!
(Ahnungslos) Das wurde doch verboten auf die Olympischen Spiele hin?
(F) Ach was, in Beijing vielleicht. Und die öffentlichen WCs sind auch ganz schlimm. Es scheint eine grundsätzliche Einstellung zu geben hier, wonach man zu Dingen, die einem nicht persönlich gehören, weniger Sorge tragen muss. Das hat mich schon immer gestört. Das ist die Kehrseite dieser ungezwungenen Nonchalance, die Herr Thomas erwähnt hat.
(T) Ja, viele Leute schauen halt in erster Linie auf sich selbst. Wir kamen während unserer Reise auch immer mal wieder irgendwo in einen Stau, der einzig und alleine deshalb entstanden war, weil sämtliche Verkehrsteilnehmer gleichzeitig von allen Seiten an irgendeinem Hindernis vorbeiwollten. Das war meist völlig unnötig.
Wie haben Sie die ganzen Diskussionen um die momentanen Probleme zwischen China und dem Ausland wahrgenommen? Haben Sie davon etwas mitgekriegt?
(F) Ja, wir wurden von einer Chinesin darauf angesprochen, sie fand es ziemlich unfair. Daran haben wir gemerkt, dass es offenbar ein Thema ist. Aber ich könnte jetzt nicht mit Sicherheit sagen, ob es die Menschen wirklich beschäftigt hier. Für uns war es auch schwierig, uns ein Bild von der Sachlage zu machen. Wir konnten uns praktisch nur via CCTV9, den englischsprachigen Staatsfernsehsender, und die Tageszeitung “China Daily” informieren. Und davon bekommt man kein objektives Bild.
(T) Vor unserer Abreise haben wir natürlich noch die ganzen Diskussionen wegen Tibet mitgekriegt.
Wie ist Ihre Meinung dazu?
(T) Ich halte das Verhalten vieler Menschen im Westen für scheinheilig. Das Problem existiert seit fünfzig Jahren, und kaum jemand interessierte sich bisher dafür. Und jetzt hat plötzlich jeder eine Meinung dazu und findet es wahnsinnig wichtig, dass da endlich einmal etwas passiert.
(F) Es ist billiges Gutmenschentum. Es kostet nichts, und man muss nicht mal gross darüber nachdenken. Was nicht heisst, dass das Anliegen der Tibeter ungerechtfertigt ist. Ich kann es sogar verstehen, dass sie die Olympischen Spiele dafür nutzen, auf ihre Sache aufmerksam zu machen. Aber dass jetzt sämtliche Gutmenschen und sogar Politiker auf diesen Zug aufspringen und sich mit dem Thema Tibet zu profilieren versuchen, finde ich billig. Es ist ausserdem fraglich, ob diese Entwicklung der Sache der Tibeter im Endeffekt hilft. So drängt man China nur in eine Ecke, aus der das Land nicht mehr rauskommt, und in Tibet ist man von einer sinnvollen Lösung möglicherweise weiter entfernt denn je.
(T) Aus meiner Sicht sitzen beide Seiten in der Propagandafalle. Ich fand es spannend, mal nur diese Seite präsentiert zu bekommen. Diese Frau im Rollstuhl, der in Paris die Fackel entrissen wurde, war beispielsweise omnipräsent hier. Das war ein Eigentor für die Tibet-Aktivisten, und hier hat man es immer und immer wieder vorgeführt bekommen.
Wechseln wir zum Schluss noch das Thema. Was nehmen sie aus China mit?
(F) (lacht) Herr Thomas hat heute auf dem Stoffmarkt einen schwarzen Anzug, einen Smoking, einen Kaschmirmantel und drei Hemden machen lassen.
Und Sie?
(F) Nur einen Mantel. Ich war auch nicht darauf vorbereitet. Soll ich denen etwa meine H&M-Jeans zum Kopieren geben?
(T) Ein Buch über Shanghai haben wir noch gekauft (”Urbanatomy”). Kunst ist leider zu teuer geworden.
(F) Ach ja, und so kurligi Güetzi.
Wie jetzt, kurligi Güetzi?
(F) Diese hier.

(F) Und so einen Deko-Anhänger aus Stoff mit allen Tierkreiszeichen. Wir sind ja im Jahr der Ratte im Moment, und Herr Thomas und ich sind beides Ratten.
Ist das ein gutes Tierkreiszeichen, die Ratte?
(F) Was weiss ich? Doch, ich glaube schon.
Das behaupten sie alle.
(F) Nein, im Ernst. Drache und Affe auch, wenns mir recht ist.
Frau Xie: (grinst breit) Ja, Drache ist super.
Ruhe auf den billigen Plätzen. An der Schlange kommt ihr alle nicht vorbei. Gibts einen Chinatipp zum Abschluss?
(T) Keine Angst davor haben, individuell zu reisen. Man steht zwar ab und zu an, aber es ist machbar und bereichernd.
(F) Chinesisch essen! Auch wenn es inzwischen McDonalds und Bella Napoli gibt.
Und Tairyo Teppanyaki. Besten Dank für das Gespräch!





