Es freut mich, liebe Leserinnen und Leser, dass ich Ihnen schon kurz nach der äusserst erfolgreichen Erstausgabe der Chinablog-Serie “Visitor File” (featuring Herrn Sergio) einen weiteren Besucher präsentieren darf.
Anfang Woche weilte der oft kopierte, aber niemals auch nur im Ansatz erreichte Herr Adi hier in Shanghai, und wir trafen uns zu einem vegetarischen Nachtessen. Herr Adi isst zwar auch Fleisch, aber eben nur wenns sein muss, darum luden wir ihn ins Restaurant Jujubetree ein. Dort gibt es Fleischgerichte wie “Lemon Chicken” und “Grilled Sausages”, einfach ohne Fleisch. Wie genau das geht, weiss ich auch nicht, es schmeckt jedenfalls sehr gut. Und das ist für einen Pragmatiker wie mich die Hauptsache. Herr Adi fands jedenfalls toll.

Unglaublich, wie viel hier gelacht wird: Herr Adi
CBR: Herr Adi, Ihr Besuch überrascht mich total. Ich hatte keine Ahnung, dass Sie vorbei kommen würden.
Herr Adi: Ja, das ist auch alles etwas spontan. Ich arbeite seit einiger Zeit in Sri Lanka an einem Projekt, und nehme im Moment eine kleine Auszeit davon, indem ich durch Asien reise.
Sie habens gut. Waren Sie vorher schon mal in China?
Ja, vor vier Jahren. Damals reiste ich fünf Wochen lang durch China, von Peking über Shanghai und Chengdu bis nach Yunnan und Hainan.
Was hat Ihnen damals besonders gefallen?
Shanghai. Ich war fasziniert, wie lebendig diese Stadt ist. Und dann die Skyline, diese unzähligen Wolkenkratzer, das fand ich unglaublich beeindruckend. Auch das Klima fand ich sehr angenehm hier.
Das Klima? Lassen Sie mich raten: Sie waren im März, April oder Oktober hier.
Ja, Anfang März.
Alles klar. Kommen Sie mal im Juli vorbei, dann reden wir nochmals übers Klima. Nun aber zur Gegenwart: Welche Unterschiede stellen Sie vier Jahre später fest?
Ich war gerade in Peking und war völlig baff, wie komplett sich diese Stadt verändert hat. Es ist wahnsinnig angenehm dort, die Luft ist gut, auf den Strassen herrscht kaum Verkehr, es ist alles auf englisch angeschrieben… vor vier Jahren war das noch komplett anders. Damals war Peking viel rauer.
Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Positiv und negativ. Peking ist inzwischen sehr benutzerfreundlich geworden, das ist sicher gut so. Ich kann mir vorstellen, dass viele Olympia-Besucher sehr angenehm überrascht sein werden, wenn sie in Peking ankommen. Auf der anderen Seite ist es schade, dass so viel Tradition, so viel Authentizität, verschwindet. Als ich vor vier Jahren da war, gab es noch unzählige Hutongs, und neben unserem Hotel stand sogar noch ein Friendship Store. Das ist heute alles verschwunden.
Ein was?
Ein Friendship Store. Früher durften Ausländer in China nur in genau deklarierten Geschäften einkaufen, mit speziellen Fremdwährungszertifikaten. Diese Läden stehen zum Teil heute noch, als Relikt aus der Vergangenheit.
Und wie hat sich Shanghai verändert?
Interessanterweise genau umgekehrt. Was mich vor vier Jahren an Shanghai fasizinierte, war das moderne Lebensgefühl, das diese Stadt gerade im Vergleich zu Peking verkörperte. Heute wirkt Shanghai fast ursprünglicher, traditioneller als Peking. Und das in nur vier Jahren. Das ist schon bemerkenswert. Shanghai bleibt meine Lieblingsstadt in China. Ich kann hier stundenlang herumwandern, durch die vielen unterschiedlichen Quartiere mit ihrer bewegten Vergangenheit.
Was gefällt Ihnen an China ganz grundsätzlich?
China ist enorm reich an Sujets. Es ist kein Land für klassische Sightseeing-Touristen, die nach tollen Landschaften und eindrücklichen Kulturbauten suchen. Es sind die alltäglichen Dinge, die den Reiz ausmachen. Ein Fleischspiessbrater auf der Strasse, ein alter Mann, der im Eingang zur Metrostation auf seiner Pipa zupft, eine Mutter, die im Park mit ihrem Kind spielt. Ausserdem haben die Menschen hier sehr viel Humor, es ist unglaublich, wie viel hier gelacht wird.
Mehr, als in anderen asiatischen Ländern?
Meiner Erfahrung nach schon. Ich mache zum Beispiel immer den Gartenschlauch-Trick, wenn ich irgendwo einen Gärtner sehe, der Blumen wässert. Der kommt überall unterschiedlich an.
Den Gartenschlauch-Trick?
Ja, ich mache heimlich einen Knick in den Schlauch oder stehe drauf, und beobachte, was der Gärtner tut. Wenn er mich dann bemerkt, lasse ich das Wasser rausplatzen.
Und? Wie kommt das an?
(lacht) In Kambodscha beispielsweise gar nicht gut. Da bekam ich einen bösen Blick. Hier in China hingegen schon. Ein Gärtner in Suzhou hat mich im Gegenzug kurzerhand nassgespritzt. Es war sehr lustig.
Was gefällt Ihnen weniger an China?
Es ist ein sehr anstrengendes Land. Ich kann mich kaum erholen hier. So gerne ich hier bin, freue ich mich jedes Mal, wenn ich wieder gehen kann. Und eben: In Sachen Sehenswürigkeiten gibt es spannendere Orte.
Was nehmen Sie aus China mit nach Hause?
Wir haben ein Bild gekauft in Peking. Aber darüber möchte ich lieber nicht reden (grinst)…
Raus damit.
Ja, wir wurden halt mächtig übers Ohr gehauen, und eigentlich wussten wir es auch.
“Art Students?”
(lacht) Ganz genau. Junge Leute, wahsninnig freundlich, und plötzlich steht man in einer Galerie und denkt sich, hmm, 400 Yuan ist ja eigentlich ein fairer Preis. Leider haben wir dasselbe Bild dann später auf einem Fake Market noch einmal gesehen.
Zu welchem Preis wurde es dort angeboten?
Das erste Angebot lag bei 80 Yuan…
Autsch.
Ja, autsch.
Haben Sie einen abschliessenden Tipp für unsere Leser?
Wer eine China-Reise erwägt, sollte auf die Jahreszeiten achten. Das lohnt sich auf jeden Fall.





