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Leben, Reisen und Geniessen in China

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Visitor File (Part 1): Herr Sergio

März 25th, 2008

Der Frühling steht vor der Tür, und damit die ersten Besucher aus der Schweiz. Herr Marc kommt nächsten Freitag, Frau Florence hat sich für übernächsten Samstag angekündigt und bald schon werden Frau Anina und Herr Pascal sowie Frau Schube und Herr Tanga an die Türe unseres bescheidenen Zuhauses klopfen. Wir freuen uns sehr.

Ungeschoren kommen diese lieben Leute natürlich nicht davon. Das wäre ja noch schöner. Die Chinablog-Redaktion hat vielmehr beschlossen, von jedem Besucher ein so genanntes Visitor File anzulegen, das Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, Aufschluss darüber geben soll, wie andere Leute China und Shanghai wahrnehmen. Meine Ansichten lesen Sie ja sonst schon jeden Tag.

Den Auftakt in diese grossartige Serie macht Herr Sergio, ein Freund von mir aus alten Lateinamerika-Zeiten. Herr Sergio wohnt inzwischen in Deutschland, ist zweifacher Vater und stolzer Ehemann und reist bisweilen im Auftrag seines Arbeitgebers nach China. Letzte Woche musste er sich an einer Messe in Shanghai drei Tage lang die Beine in den Bauch stehen, und wir nutzten die Gelegenheit, die alten Zeiten bei ein paar Flaschen Tsingtao hochleben zu lassen.

Als ich Herrn Sergio reichlich aufgeweicht hatte, beschied ich ihm, ich würde ihn nun interviewen. Sein Widerstand war kurz und zwecklos. Hier kommt das Visitor File, Teil 1.

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Störender Doppelstandard: Herr Sergio

CBR: Herr Sergio, wie gefällt ihnen Shanghai?
Herr Sergio: Gar nicht.

Ja, wie jetzt?
Im Ernst. Wenn ich in Shanghai bin, kriege ich immer nur den Expat-Film mit. Die leben hier wie in einer Plastikblase, in dicken Hotels, mit Fahrer und Putzfrau und so. Shanghai hat für mich nicht viel mit China zu tun.

Wo gefällt es Ihnen besser?
In Xiamen beispielsweise. Da verkehrt man eher auf Augenhöhe mit den Einheimischen. Hier in Shanghai gibt es zwei Welten, die sich kaum berühren. Das befremdet mich. Selbst in Hong Kong und Taipeh fühle ich mich wohler.

Hong Kong? Taipeh? Das kommt doch ziemlich nah an Shanghai heran.
Ja, was die Grösse und die rasante Entwicklung angeht. Aber in diesen Städten herrscht ein anderes Flair, irgendwie. Vielleicht hat es mit dem Meeranschluss zu tun.

Aha, der Strand. Das ist der Costaricaner in Ihnen.
Ach was, Blödsinn. Ich komme aus San Jos√©, das ist 150 Kilometer vom Strand entfernt.

Was gefällt Ihnen an China?
(überlegt ein Weilchen) Die Leute. Die kulturellen Unterschiede zwischen meiner Heimat und China sind zwar sehr gross, wirklich sehr gross, aber ich habe stets gute, anständige Menschen angetroffen hier. Sogar die Leute, die mir nicht sympathisch waren, haben mich mit grossem Respekt und einer unbändigen Gastfreundschaft behandelt. Das hat mich sehr beeindruckt.

Und was gefällt Ihnen nicht?
Wie ich schon sagte: Der Doppelstandard. Ausländer und Chinesen leben in unterschiedlichen Welten. Als Mitarbeiter meiner Firma, der aus Deutschland einfliegt, lebe ich im Fünfsternhotel, gar keine Frage. Unsere chinesischen Kollegen hingegen werden diesbezüglich minderwertig behandelt, sie steigen in billigeren Hotels ab und so. Das stört mich. Ich finde, eine Firma sollte ihre Mitarbeiter danach beurteilen, welchen Wert sie für sie schöpfen, nicht nach dem Herkunftsland.

Empfinden Ihre chinesischen Kollegen diese Unterschiede als störend?
Ich glaube nicht, nein. Sie bauchpinseln uns ständig, wie erfahren und gut ausgebildet wir seien. Wie toll es wäre, mit solchen Experten wie uns zusammenzuarbeiten. Ich kann dann jeweils nur abwinken.

A propos Winken: Können wir noch zwei Bier kriegen?
Das Bier hier ist gut, das muss ich sagen. Dieses „Tsingtao Gold“…

Haben Sie auch Erfahrungen mit Maotai gemacht, diesem üblen Hirsegebräu?
Oh ja, wenn man geschäftlich unterwegs ist, kommt man ums Trinken nicht herum. Das kann ganz schön übel enden.

Aber Sie sind ja gut geeicht…
Und ich trinke jeweils nur Bier, keinen Maotai.

Wie jetzt, keinen Maotai? Und wenn der Gastgeber Maotai bestellt?
Dann lehne ich höflich, aber entschieden ab.

Und das wird nicht als Affront empfunden?
Nein, denn ich trinke ja mit. Wissen Sie, ich bin zu alt, um Dinge zu tun, die ich nicht tun will, nur um anderen Leuten zu gefallen. Und wenn man das höflich, aber mit Nachdruck rüberbringt, ist es auch kein Problem.

Was bringen Sie an Souvenirs mit nach Hause?
Nichts.

Was ist denn in dieser Türe da?
Ach, das ist eine Tüte, die ich für eine chinesische Arbeitskollegin mitbringen muss. Ich habe gestern Abend ihren Vater getroffen hier in Shanghai, und er hat sie mir mitgegeben.

Aber Herr Sergio, Sie kennen doch die Geschichte vom Kolumbianer und dem Schokoladekuchen…
Ja, keine Sorge.

Also: Was ist da drin?
Ich weiss es nicht. Zeugs halt.

Aha. Zeugs. Rufen Sie mich an, wenn Sie am Zoll hängen bleiben.
Jaja.

Ein guter Rat zum Abschied?
Ich weiss zu wenig über China, als dass ich Ratschläge erteilen könnte. Aber wer hier eine gute Zeit erleben will, der kann das auch. Die Menschen, das Essen, die kulturellen Differenzen, das hat alles mit der Einstellung und den Vorurteilen zu tun.

Und, ach ja, trinkt keinen Maotai.

Tags: Allgemeines · Visitor File