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Leben, Reisen und Geniessen in China

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Silvester

Februar 7th, 2008

Haben Sie schon mal doppelt Silvester gefeiert, liebe Leserinnen und Leser? Wir schon.

Gestern war es soweit. New Year’s Eve. Schon im Vorfeld hatte man die Feiertage kommen sehen, auf den Strassen wurden monströse Feuerwerks-Verkaufsstände aufgebaut, auch Orangen und Kekse (traditionelle Neujahrsgeschenke) wurden überall feilgeboten und jedes Geschäft, jeder Hauseingang, jede Türe, ja sogar jeder Auto-Rückspiegel schien mit Glückssymbolen in Rot und Gold geschmückt.

Wir hatten die grosse Ehre, den Silvesterabend mit unserer chinesischen Familie, den Wangs, zu feiern. Ehre deshalb, weil das Frühlingsfest, und so heisst die 15-tägige Feiertagsperiode, die mit dem chinesischen Neujahr beginnt, ein Fest ist, das traditionell der Familie gewidmet wird. Die Arbeiter kehren in ihre Heimatprovinzen zurück, man feiert im Schosse der Familie.

Bereits um 17.30 Uhr war Besammlung in einem Restaurant, die Wangs hatten zwei Séparées reservieren lassen, die jeweils einen grossen Runden Tisch enthielten, auf dem bereits reichlich aufgetischt war.

Den Schnaps bringt man in China auch im Restaurant selbst mit, Mama Wang drückte mir beim Aussteigen aus dem Auto eine grosse Tasche in die Hand, in der es klirrte und klimperte. Ich war gespannt.

Würde dies meine erste Begegnung mit dem legendären Maotai werden?

Ganz genau. Kaum angekommen, packte Baba Wang eine Flasche des legendären Kweichow Moutai aus, ein waffenscheinpflichtiges Gebräu aus Hirse, das mehrfach gebrannt bis zu 70 Umdrehungen Alkohol erreichen kann. Mehrfach wurde mir versichert, Chairman Mao habe den Kweichow ganz besonders gemocht, und sogar Nixon habe schon daran genippt.

Nadann.

Wir prosteten uns munter zu (Ganbei!), von Ziehsohn zu Gastvater, zu Onkel, Tanten und Enkeln, und dann alles wieder umgekehrt und gleich noch einmal. Dem Zuprosten kommt in China eine besondere Bedeutung zuteil, es geht darum, seinem Gegenüber die Ehre zu erweisen, ob mit einem Trinkspruch, aus einem besonderen Grund, oder einfach so. Alleine süffelt jedenfalls niemand vor sich hin, wer das Glas an die Lippen führen will, erhebt es auf einen seiner Trinkgenossen.

Baba Wang und Lu Hai Rui hatten jedenfalls schon gut Stimmung gemacht, als die Hauptspeisen aufgetischt wurden. Neben allerlei wirklich leckeren Dingen gab es da natürlich auch ein paar Absonderlichkeiten, und für die interessieren Sie sich ja, liebe Leserinnen und Leser, oder?

Nun gut. Wie wärs mit dieser…diesem…nun… Vogel?

Glücklicherweise konnte ich mich drücken, musste allerdings vom Schweinemagen probieren, und während ich mich noch wunderte, wie gut sauer eingelegter Schweinemagen schmeckt, begann es plötzlich abartig zu stinken in dem kleinen Raum.

Abartig.

Zu.

Stinken.

Alle Chinakenner nicken an dieser Stelle mit wissender Miene und haben einen Begriff auf den Lippen:

CHOU DOUFU.

Immerhin macht niemand einen Hehl daraus, dass dieser Tofu zum Himmel stinkt, “Chou Doufu” bedeutet nämlich frei übersetzt “stinkender Tofu”. Die Obsession der Chinesen mit diesem fürchterlichen Gericht ist mit unserer Vorliebe für Schimmelkäse vergleichbar, auch Chou Doufu hat eine grünlichgraue Farbe und ist umso besser, je grässlicher er riecht. Mich erinnerte der Geruch - und das ist jetzt keine sinnlose Übertreibung - an den Geruch eines Schweinestalls, wenn man beim Sonntagsspaziergang in die Nähe eines Bauernhofs kommt. Nur stand der Schweinestall jetzt in einem kleinen Tontopf in der Mitte des Tisches.

Frau Xie und ich mussten natürlich probieren, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass die Wangs beim Chou Doufu für einmal ein Veto hätten gelten lassen. Es wurde ganz still am Tisch, als wir uns je die Hälfte eines Stücks in den Mund schoben.

Ich machte ein interessiertes Gesicht, während ich meine Zunge mit aller Kraft gegen meinen Gaumen presste, um ja nichts zu riechen. Dann schluckte ich, wartete, bis die Geschichte auf die Höhe meines Brustbeins abgesunken war und atmete tief ein.

Naja. Ist er erst einmal drin, ists halb so schlimm. So meine offizielle Kritik. Chou Doufu riecht zwar abscheulich, schmeckt aber nicht nach allzuviel. Sehr rauchig, etwas abgestanden. Maos Hirseschnaps besorgte den Rest.

Nach dem Essen, nach ein paar Liedern (Frau Xie und ich mussten “Vo Lozärn gäge Wäggis zue” zum Besten geben - bereits ein Klassiker in der Familie Wang), vielen Fotos und noch mehr Zigaretten (”Lu Hai Rui, hast Du wirklich aufgehört? Die hier sind besonders gut.”) machten wir uns gegen 20 Uhr auf den Heimweg. Um Acht beginnt nämlich im chinesischen Staatsfernsehen die grosse, sechsstündige Silvestergala, und die lässt sich hier niemand entgehen. Die Leute lachen zwar inzwischen drüber, und erzählen von früher, als dieses Programm das absolute Nonplusultra in Sachen Unterhaltung gewesen sei, aber sie schauens trotzdem.

Dazu werden Orangen, Kekse und Bonbons aufgetischt, und bald ist auch schon das klirren der Ma-Jiang-Steine zu hören. Die Silvestergala kann man schliesslich auch schauen, während man sich einem kleinen Spielchen widmet.

Christine, die Tochter des Hauses, erklärte mir die Regeln, und da ich ja in der Schweiz schon ein begeisterter Ma-Jiang-Spieler gewesen war, zockte ich ein paar Runden mit und konnte auch gleich zwei Siege verbuchen.

Leider verpasste ich deswegen das Spiel Irak-China, das ebenfalls auf einem Fernseher lief, Frau Xie brüllte mir aber verdankenswerterweise stets die aktuellsten Vorkommnisse ins Spielzimmer rüber (“ou shiit, Luki, Penallltiiii!!”).

Gegen 23 Uhr zogen wir wieder ein Haus weiter, um zum finalen Akt des Abends zu schreiten. Dem Feuerwerk.

An dieser Stelle, liebe Leserinnen und Leser, vergessen Sie bitte alles, was Sie bisher mit dem Begriff “Feuerwerk” in Verbindung brachten, auf audiovisueller wie olfaktorischer Ebene.

DAS hier ist Feuerwerk.

Kurz vor Mitternacht schritten die Männer vors Haus, und was dann folgte, war Krieg. Ich kann es leider nicht anders beschreiben.

Vor, hinter, neben, über dem Haus begann es plötzlich zu krachen, zu knallen, zu blitzen, zu regnen, zu detonieren, zu rattern, zu beben, zu brennen, zu fauchen und zu dröhnen.

Ganz China brannte gleichzeitig tonnenweise Feuerwerk ab, es herrschte ein ohrenbetäubender Lärm.

Zur Standardausrüstung gehören neben den “normalen” Raketen auch feuerwehrschlauchgrosse Räder mit einer Art Frauenfürzen und trommelfellberstende Böller. Baba Wang zündete letztere mit seiner Zigarette an und liess sie in seiner Hand detonieren - nach der ersten Sprengung war ich mir sicher, sein Unterarm läge jetzt irgendwo in Nordkorea.

Nach etwa fünf Minuten hatte ich eine akute Schwefelvergiftung, stand aber weiterhin fasziniert auf der Strasse, während um mich herum die Apokalypse tobte.

Auch Frau Xie hatte sich inzwischen auf die Strasse getraut.

Gegen 1 Uhr begann die grosse Show langsam auszuklingen und wir machten uns auf den Heimweg.

“Wie kann man ein Volk nicht lieben,” fragte ich Frau Xie, “das an Silvester dermassen abgeht?”

Wir spritzten uns einen doppelten Whisky intravenös und legten uns schlafen.

Tags: Allgemeines · Essen · So ist das