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Sibirien meets Shanghai

Februar 3rd, 2008

Läck, meine Damen und Herren, ist es hier kalt.

Unsere Wohnung verfügt ja lediglich über Air Conditioner in Wohnzimmer, Arbeitszimmer und Schlafzimmer, eine Heizung gibts nicht. Und die Air Conditioner sind auch keine preisverdächtige Lösung, meistens stöhnen sie ein wenig kühle Luft vor sich hin, knattern dann kurz und steigen völlig willkürlich aus, weil sie glauben, sie hätten ihr Tagesziel von 24 Grad Raumtemperatur erreicht. Dabei sind sie davon noch gefühlte 23 Grad entfernt.

Eine ganz neue Macke hat sich unser AC im Wohnzimmer einfallen lassen. Er heizt, als ginge es darum, die Pole abzuschmelzen, produziert dabei aber so viel eiskalte Abluft, dass uns die andere (nicht beheizbare) Hälfte der Wohnung einfriert.

Nach einer Stunde Arbeit sieht das dann so aus:

Den kleinen Küchenbalkon, auf dem er sein Mini-Sibirien veranstaltet, hat er so stark runtergekühlt, dass sämtliche Wasserleitungen eingefroren, und am nächsten Tag geborsten sind.

Konsequenz der Geschichte: Wenn es draussen allzu kalt wird, dürfen wir unsere Wohnzimmer-Heizung nicht benutzen, weil uns sonst die Wasserleitungen einfrieren. (Falls Sie mal ein Beispiel brauchen für einen Vortrag zum Thema “Achtung! Ironie!”)

Angesichts der nationalen Lage wollen wir uns aber nicht allzu laut beklagen, in vielen Provinzen gehts den Leuten wirklich an der Kragen, und selbst in Shanghai wurden gestern 5 bis 21 (!) Zentimeter Schnee gemessen, während noch vor ein paar Tagen offiziell “1,5 Zentimeter” rapportiert wurden.

Etwas Interessantes ist mir in der Berichterstattung zum nationalen Schnee-Debakel aufgefallen: Nebst den Berichten aus den betroffenen Gebieten, den salbungsvollen Reportagen über trostspendende Politiker und den nüchternen Artikeln über die Auswirkungen der Krise auf den Aktienmarkt, die Lebensmittelpreise und die Kohlevorräte, liest man stets auch von Menschen, die sich vom Schnee nicht unterkriegen lassen, die guten Mut bewahren, dem Übel trotzen, anderen helfen, sich selbst in den Dienst des Landes stellen.

“Shanghai Daily” etwa berichtet regelmässig über “heroes who keep the city alive”. Über Herrn Wang etwa, der vor fünf Uhr morgens mit dem Schneeschaufeln beginnt, und erst spätabends damit aufhört. Wenn er die Leute auf dem eisglatten Gehweg stürzen sehe, so wird er zitiert, helfe er ihnen beim Aufstehen und arbeite gleich noch härter. Oder über Doktor Huang, der von acht Uhr morgens bis nach Mitternacht arbeitet, um den vielen Patienten zu helfen.

“China Daily” bejubelt einen “Helden”, der in Hunan 44 Menschen in einem gestrandeten Bus zur Hilfe eilte, und eine 25-jährige Frau, die nach tagelanger, fast pausenloser Arbeit in einem Elektrizitätswerk von ihrem Freund mit 99 Rosen und einem Heiratsantrag überrascht wurde. Titel: “Nothing Can Stop Power of Love”.

Klar, sie erkennen die Absicht dahinter. Im Stile der nationalen Modellarbeiter wird hier der Fokus weg von der Krise auf jene Menschen gerichtet, die sich nicht unterkriegen lassen, die nicht jammern oder ihr Schicksal beklagen, sondern stolz voranschreiten. Spannend ist, dass solche Stories von vielen Lesern nicht zynisch abgetan werden, sondern Anklang finden und wohlwollend kommentiert werden.

Da kann sogar die “Schweizer Illustrierte” noch was lernen. ;-)

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