Eine Regel zum Aufschreiben, liebe Leserinnen und Leser: Wenn Sie in China irgendwo an einer Menschenschlange vorbeikommen, dann stellen Sie sich am besten hinten an. Denn wenn Chinesen Schlange stehen, dann lohnt es sich. Verlassen Sie sich drauf.
Eine der konstantesten Menschenschlangen Shanghais findet man im Yu-Yuan-Garten, einer berühmten Sehenswürdigkeit der Stadt. Allerdings stehen die Leute dort nicht Schlange, um den über 400 Jahre alten, ehemaligen Privatgarten der Familie Pan zu sehen, sondern um im Restaurant Nan Xiang die landesweit bekannten “Xiao Long Bao” zu essen.
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Dabei handelt es sich um gedämpfte, mit Schweinefleisch und Bouillon gefüllte Teigtaschen (”dumplings”), die in Essig getunkt werden. Die Xiao Long Bao des Restaurants Nan Xiang haben einen derart guten Ruf, dass sich die Gäste schon vor 10 Uhr morgens vor dem kleinen Verkaufsfenster in der Gasse versammeln. Und um 18 Uhr, so hört man, sollen die Dinger regelmässig schon ausverkauft sein.
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Ich kam gegen 13 Uhr beim Restaurant an, und tatsächlich, da standen sich rund 100 Chinesen (und ein paar Japaner) in der schmalen Gasse hinter dem Lokal die Beine in den Bauch. Hinter einem feucht beschlagenen Fenster waren Angestellte zu sehen, die hohe, weisse Kochmützen trugen und mit Bambuskörbchen hantierten. Dampf schoss auf allen Seiten aus Fenstern und Ritzen aus dem Gebäude.
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Ich stellte mich gaaaaanz hinten an und wartete.
Und wartete.
Und wartete.
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Die Schlange bewegte sich in Zeitlupe vorwärts, was daran lag, dass die Teigtaschen nicht vor-, sondern frisch zubereitet wurden. Nach etwa einer halben Stunde kam ich in Sichtweite des Verkaufsfensters, ich konnte nun auch regelmässig die Menschen beobachten, die ihre dampfenden Styroporschalen wie Siegtrophäen in alle Himmelsrichtungen davontrugen, mit glänzenden Augen und von Vorfreude geröteten Wangen. Wer sich in der Nähe der Warteschlange zum Essen hinsetze, wurde von den Hungrigen argwöhnisch beobachtet, offen beneidet - und heimlich fotografiert.
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Läck, war ich gespannt.
Nach knapp 50 Minuten (!) war ich an der Reihe. Mein Magen knurrte inzwischen wie ein sibirischer Säbelzahntiger, und ich hielt der Verkäuferin zur Sicherheit gleich 40 Yuan (7 Franken) hin, worauf sie mir 3 Coupons und 4 Yuan Wechselgeld gab.
3 Coupons. Ich muss des Wahnsinns sein.
Eine mürrische Frau mit Kochmütze reichte mir zwei rammelvolle Schalen, die zusammen sicher 50 Teigtaschen enthielten. Hastig (und etwas peinlich berührt) verstaute ich Handy, iPod und Kamera, packte die beiden Schalen und machte mich (unter bewundernden Zurufen der Wartenden) vom Acker. Eine Schale verschenkte ich am Ende der Warteschlange an ein paar besonders hungrig Aussehende, bevor ich mich auf den Treppenstufen vor einem Jade-Schmuckgeschäft zum Essen niederliess.
Die Teigtaschen erinnerten in der Form an gerade gelandete Heissluftballons, sie wölbten sich leicht zur Seite und waberten zwischen den Stäbchen umher, wenn man sie zu packen versuchte. Biss oder stocherte man ein Loch hinein, strömte ein betörender Duft und heisser, würziger Saft heraus. Hao chi!
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Genüsslich verspies ich sämtliche Exemplare, wurde aber immer wieder von chinesischen Touristen gestört, die mich dabei fotografieren wollten, und mich mit freundlichen (aber energischen) Gesten dazu aufforderten, dazu doch Zeige- und Mittelfinger zum Victory-Zeichen zu formen, was sich mit Stäbchen und Essschale in Händen eher schwierig gestaltete.
Die Xiao Long Bao waren etwas vom Besten, was ich in China bisher zwischen die Zähne bekommen habe, ich kann Ihnen nur raten, zwei Stunden dafür einzuplanen, sollten Sie sich einmal in die Stadt am Huangpu begeben.
Und wer weiss, vielleicht bestellt ja irgendein Dummkopf zuviel, und sie kriegen nach fünf Minuten Warten eine Schale geschenkt.
Soll passieren.
Nan Xiang Man Tou Dian @ 85 Yu Yuan Road (Huang Pu District), Shanghai





