Dass es mit der Servicekultur in China nicht zum besten bestellt ist, ist eine Tatsache, über die sich hier ansässige Ausländer nur allzu gerne auslassen, darum meide ich das Thema in der Regel. Ich bin ja nicht ausgewandert, um in Shanghai einen perfekten Espresso serviert zu bekommen.
Trotzdem kratze auch ich mich immer mal wieder am Kopf, und vergangenes Wochenende erlebte ich eine kleine Anekdote, die so stereotyp ist, dass ich nicht anders kann, als Ihnen davon zu berichten.

Aah, da kommt Nostalgie auf: Schweizer Servicekultur
Die Szene ereignete sich in einem Restaurant, für dessen Lieferservice ich mich interessierte. Ich betrat das Lokal und wandte mich an einen jungen Herrn, der an einem rechtwinklig zum Eingang stehenden Empfangspult Stellung bezogen hatte, zum Zeitpunkt meines Erscheinens aber gerade tief in die Lektüre einer Zeitschrift versunken war.
Mehrmaliges Räuspern löste ihn aus seiner Trance, und ich fragte ihn, ob es eine Menukarte zum Mitnehmen gebe.
Ohne zu zögern zückte er die mit Abstand populärste Waffe chinesischer Servicekonversation: “Mei You!” - “Gibts nicht.”
Gerne hätte ich ihn zynisch auf die knallbunten Lieferservice-Mofas hingewiesen, die vor dem Geschäft aufgereiht standen, aber für eine längliche Diskussion fehlte mir die Zeit und - wichtiger noch - das Vokabular.
Ich beschloss, die einzig wirksame Gegenstrategie anzuwenden. Ich fragte ihn, ob es eine Menukarte zum Mitnehmen gebe.
Er schaute von seinem Magazin auf und sagte: “Mei You!” Er sagte das in einem ganz normalen Tonfall, ohne mich mit einem genervten Unterton darauf hinzuweisen, dass ich dasselbe schon vor fünf Sekunden gefragt hatte.
Also fragte ich ihn gleich noch einmal, ob es eine Menukarte zum Mitnehmen gebe.
“Mei You!”, sagte er ruhig, als ob es sich um die normalste Konversation handelte, die er je geführt hatte.
In diesem Moment tauchte eine Serviceangestellte auf, die ich sofort fragte, ob es eine Menukarte zum Mitnehmen gebe.
Sie wandte sich an den Lesenden und fragte: “Gibt es eine Menukarte zum Mitnehmen?”
“Mei You!”, sagte dieser, ohne aufzublicken.
“Warten Sie kurz”, sagte die Serviceangestellte, und entschwand in den oberen Stock.
Kurze Zeit später kam sie mit einem Stapel Menukarten die Treppe herunter und stapelte sie auf den Tresen. “Hier, bitte”, sagte sie und ging zurück ins Restaurant.
Ich blickte den Jungen an, der nach wie vor in seinem Magazin las. “Was solls”, dachte ich, und öffnete kommentarlos die Eingangstür.
“Danke für Ihren Besuch!”, murmelte er. “Auf Wiedersehen!”
“Mei You!”, dachte ich mir und grinste.
Die Moral von der Geschicht’: Lassen Sie sich durch ignorantes Servicepersonal auf keinen Fall von Ihrem Ziel abbringen. Bleiben Sie ruhig und wiederholen Sie Ihr Anliegen. Mehrmals, wenn nötig. Irgendwann klappts dann schon.
P.S. Ausrasten ist übrigens eine ganz schlechte Idee. Sie machen sich nur zum Deppen.





