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Leben, Reisen und Geniessen in China

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Hyper Toni

Februar 16th, 2008

Von einem Ereignis, das schon mehr als zwei Wochen zurückliegt, muss ich Ihnen noch erzählen, liebe Leserinnen und Leser. Ich könnte jetzt behaupten, es habe mich dermassen traumatisiert, dass ich schlicht nicht fähig war, früher darüber zu schreiben, aber das wäre dann doch etwas übertrieben.

Denkwürdig war er allemal, der Health Check.

In China ist es nämlich so, dass sich einem Gesundheitscheck unterziehen muss, wer länger als für ein paar Maotai-Shots im Land bleiben will. Auch Chinesen, die ins Ausland verreisen, müssen zuerst beim zuständigen Amt Blut, Schweiss und Tränen abgeben.

Aber der Reihe nach.

Frau Xie und ich fuhren an einem nebligen Donnerstag mit dem Taxi in einen Aussenbezirk Shanghais, um bei der „Entry-Exit Inspection and Quarantine“ vorzusprechen. Nach einem kurzen Aufnahmeprozedere durften wir uns setzen und ein Stündchen warten.

Dann ging alles sehr schnell. Unsere Nummern wurden aufgerufen, wir wurden in einen Korridor geschickt, vorbei an einem Wartezimmer, in dem mehrere Menschen apathisch in ein moosgrünes Aquarium starrten (zƒõnme le?), vorbei an Doktoren in weissen Kitteln, die im Türrahmen auf Kunden warteten, vorbei an Schaltern und Pulten und Maschinen.

Setzen. Namevornamepassnummervisanummer.

Stillhalten. Foto mit der Webcam. Klick.

Zzzzzzzzzzzzzzzzzz. Ein Drucker druckt die Fotos aus, dazu sechs Strichcodes, die unsere Namen tragen.

Wägen, messen, umziehen.

Danach geht die Reise für Lu Hai Rui, 1.93 Meter gross, 93 Kilogramm schwer, türkisblaue Filzpantoffeln, lindgrünes Mäntelchen, alleine weiter. Frau Xie begegne ich ab und zu zwischen den einzelnen Stationen.

Die da wären:

1) Blutspenden. Desinfektion. Zack. Rein damit. Glugggluggglugg. Röhre voll, Watte drauf. Please press for 30 seconds. Don’t bend your arm. Auf dem Bildschirm der Krankenschwester: mein Foto. Sie klebt einen Strichcode mit meinem Namen auf die Ampulle. Ich bin sehr beeindruckt. Leider gibts kein Schinkensandwich. Room 109, please.

2) Röntgen. Hinstehen. (Zƒõnme le? Ist der gross…) In die Knie, bitte. Kinn hier drauf. Schultern nach vorn. Stillhalten. Eine Türe fällt ins Schloss. Bzzzzzzzzzz. Ok, thank you. Room 112, please.

3) EKG/EENT. Plopplopplopplopp. Ich bin verkabelt wie James Bond bei Blofeld zuhause. Die Krankenschwester schreibt etwas auf, kratzt sich am Kopf. Room 110, please.

Hey, Frau Xie, hier drüben! Hey, auch schon geröngt? Was? Ultraschall?

4) Halsnasenohrenaugen. Read this please. And this. And this. You use contact lens? Der weisshaarige Arzt stempelt ein paar Papiere. Room 115, please.

5) Kardio. Schon wieder ein weisshaariger Arzt. Er hört mich mit einem kalten Stetoskop ab. Puls. Blutdruck. Er schüttelt den Kopf. Nochmals Blutdruck. Er runzelt die Stirn. Er schreibt etwas auf. Er schreibt ziemlich viel auf. Ich schlucke leer. Room 111, please.

6) Ultraschall. Ja, ist es denn zu fassen? Ich bin doch nicht schwanger… Schnauze halten, hinlegen. Eine Frau kleistert mir Gleitpaste auf den nackten Bauch als wär ich ein Hendl, das es zu marinieren gilt. Blitzschnell und sehr unsaft rollert sie mit ihrem Schalldings über meinen Bauch, zwickt mich in die Leber und die Niere. Mein Gott, vielleicht bin ich ja wirklich schwanger? Very good, sagt sie. Ist es ein Mädchen? Get dressed, please.

Ich ziehe mich an und fühle mich seltsam. In einer halben Stunde wurde ich komplett durchleuchtet, musste alle meine medizinischen Geheimnisse an- und alle mir bekannten Körperflüssigkeiten abgeben. Theoretisch könnte China jetzt einen zweiten Lu Hai Rui nachbauen.

Wenn es denn wollte.

Beeindruckt hat mich die unvorstellbare Effizienz dieser Prozedur. Fast schon zu effizient. Hinter jeder Tür erwartete ich von Neuem den weiss gekleideten Mann mit Mundschutz, der mich nun endlich mit einer Mozartsymphonie und einem gezielten Kopfschuss erledigen würde.

Aber nichts da. Leicht verwirrt und auf wackligen Beinen verliessen Frau Xie und ich den Ort des Checkens. Und hatten die Sache ziemlich schnell vergessen.

Bis eine Woche später die Resultate kamen. Der „Health Examination Record“.

Säuberlich geheftet, in einer Klarsichtmappe, in einem braunen Couvert.

Frau Xie? Gesund wie ein Ochsenfrosch.

Und ich?

Sofort durchkämmte ich sämtliche Seiten nach unliebsamen Erkenntnissen. Dabei stiess ich zunächst auf schier Unfassbares…

Danach auf ziemlich viel Unverständliches…

Und schliesslich auf etwas Vernichtendes…

Hypertension stand da. Schwarz auf Weiss. Hy-per-ten-sion.

Hypertonie. Hyper Toni. Bluthochdruck.

Meine Fresse. Ernsthaft jetzt?

Brauchte es wirklich zuerst eine Auswanderung, bis bei mir, dem Sohn eines umsorgenden Allgemeinpraktikers und einer liebevollen Physiotherapeutin, Bluthochdruck diagnostiziert würde?

Immerhin hatte der Doktor einen passenden Tipp parat: „Improve the life style.“

Na toll. Keinen Alkohol, keine Zigaretten, kein schweres Essen, keine schönen Frauen. Vor meinem inneren Auge sah ich mich einem Pantomime-Verein beitreten, an einer Flasche Kombucha nuckelnd.

„Ruhig Blut“, sagte mein Vater (das sagt er immer), „154 auf 77? Das kann ich mir nicht vorstellen.“

Ich mir auch nicht. Ich, ein wahrer Ausbund an Gesundheit und Vitalität (hüstel). Bluthochdruck?

Ich tat, wie mir geheissen, und kaufte selbst ein Messgerät. 289 Yuan, bei Carrefour.

Mit zittrigen Fingern öffnete ich die Schachtel, legte mir die Manschette um den Oberarm und begann zaghaft zu Pümpeln.

Pümpelpümpelpümpelpümpelpümpel.

Pffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff…

128 auf 79.

HAH! Von wegen Bluthochdruck! KERNGESUND! TOPFIT! SACKSTARK!

Ich atmete schwer und musste einen Fernet Branca durchs Nasenloch ziehen, um nicht in Ohnmacht zu fallen (die Leber ist ja schliesslich in Ordnung).

Welche Erleichterung!

Trotzdem nahm ich des Doktors Rat an und gelobte feierlich Improvement of the life style.

Und kaufte im Raffles City den limitierten Nike AF25.

So geht das.

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