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Leben, Reisen und Geniessen in China

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Haiou

April 28th, 2008

Bevor ich nach China kam, hatte ich mich nie gross mit dem Thema Fotografie auseinandergesetzt. Zwar fotografierte ich stets gerne und trug auch häufig eine Kamera bei mir, aber ich verspürte beispielsweise nie den Drang, mich mit Themen wie Brennweite, Belichtung und Beleuchtung auseinander zu setzen. Verfügte meine Kamera über eine Automatikfunktion, so genügte mir das vollauf.

Zum Glück hatte ich vor meiner Abreise die Idee, mir eine digitale Spiegelreflexkamera zu kaufen, um in China Bilder von etwas besserer Qualität schiessen zu können. Ich las zudem ein Buch und besuchte einen Grundkurs, um wenigstens die Einstellungen meiner Kamera zu kennen.

Je mehr ich über das Thema wusste, desto grösser wurde auch meine Neugierde. Ich begann, meine Fotos zu analysieren, Bilder nachzubearbeiten und mich mit anderen Fotografen auszutauschen. Zum Glück habe ich hier in Shanghai mit den Herren Fredrik und Da Wei zwei wahre Vorbilder kennengelernt, letzterer ist ein Profifotograf aus Cincinnati, und unsere gemeinsamen Foto-Exkursionen sind für mich gleichermassen Frust wie Ansporn.

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David Stephen Photography gibts hier.

Letzte Woche nun hat mir Herr Da Wei erzählt, er habe auf einem Trödelmarkt eine alte Mittelformat-Kamera entdeckt, ein Modell aus den Sechziger Jahren, hergestellt in Shanghai. Er war ziemlich aufgeregt und erklärte mir, dabei handle es sich um eine zweiäugige Spiegelreflexkamera (Twin Lens Reflex, TLR), bei der man oben ins Gehäuse reinschaut, und auf der Einstellscheibe seitenverkehrt sieht, was auf dem Foto abgebildet sein wird.

Obwohl ich mir nicht genau vorstellen konnte, wovon er faselte, beschloss ich, ihn am Samstag auf denselben Markt zu begleiten. Herr Da Wei hatte seine Kamera von 1200 auf 600 Yuan RMB (knapp 90 Franken) runtergehandelt, was mir ein Preis zu sein schien, der einen fotografischen Versuch rechtfertigte.

Wir stöberten durch die Antiquitäten und stiessen schon bald auf diverse Modelle, manche in gutem, viele in schlechtem oder gar defektem Zustand. Ich bekam ein Modell angeboten und wandte mein ganzes Verhandlungsgeschick auf, um den Preis zu drücken. Das Resultat?

200 Yuan für eine originale, gut erhaltene Seagull 4B-1.

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Ich hatte mich in den kuriosen Kasten verliebt, seit ich ihn zum ersten Mal in Händen hielt. Die Kamera ist etwa ein Kilo schwer, und man hat das Gefühl, ein Stück China-Geschichte anfassen zu können damit. Was die Linse wohl alles gesehen hat? Wer wohl damit Bilder geschossen hat? Von wem?

Ich kaufte übrigens gleich zwei Stück, denn obwohl die wichtigsten Komponenten der Kamera funktionsfähig zu sein scheinen, weiss ich erst dann, ob das Ding funktioniert, wenn die Bilder vom Entwickeln kommen.

Inzwischen habe ich herausgefunden, dass die Firma Seagull (Seemöve) die 4B-1 seit ein paar Jahren wieder produziert (hier gehts zur Webseite), aber im Vergleich zu einem Originalmodell aus den Sechziger Jahren ist das natürlich nichts.

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Schon mal ohne Autofokus fotografiert?

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Auslöser, sowie Schieber für Blende und Belichtungszeit.

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Klebeetikett meines Vorgängers

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Und das sieht man, wenn man oben reinschaut.

Interessanterweise glauben viele Händler, man könne mit diesen Geräten gar keine Fotos mehr machen heutzutage, weil es keine Filme mehr dafür gibt. Das ist Blödsinn, erklärt aber wohl den tiefen Preis.

Herr Leo, unser Freund vom Fotofachgeschäft an der Lupu-Brücke, hatte jedenfalls mehr als genug Film für unsere lustigen Kameras. Wir produzierten einen wahren Menschenauflauf in seinem Laden, alle wollten die komischen Ausländer mit ihren komischen Fotoapparaten sehen.

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Beim Film handelt es sich um so genannten Rollfilm auf offenen Spulen, die manuell eingesetzt werden müssen. Ohnehin ist alles mechanisch an dieser Kamera, auch wenn einer der Händler uns hartnäckig einen Bären aufzubinden versuchte („Ha ha! Very good! Automatic!“).

Wir bestückten unsere neuen Kameras mit je einer Spule Film und zogen los. Je nach Einstellung kann man 12 oder 16 Bilder machen, und nach jedem Bild muss der Film manuell vorgekurbelt werden. Vergisst man diesen Schritt, belichtet man dasselbe Bild zwei Mal.

Ich habe keine Ahnung, ob ich auch nur ein brauchbares Bild geschossen habe an diesem Nachmittag. Ist man sich an die digitale Automatikfotografie gewöhnt, scheint es unendlich schwer, auch nur eine gute Aufnahme zu machen. Hatten wir erst einmal ein Motiv gefunden, knipsten wir es zuerst mit der DSLR, um dort die Einstellungen für Blende und Belichtung ablesen zu können. Die Distanz muss man selbst abschätzen, und spätestens dann, wenn man den Fokus scharfgestellt hat, ist das Motiv verschwunden, hat sich das Licht geändert oder sonstwas.

Grossartig waren dafür die Reaktionen bei den Chinesen. Viele Leute sprachen uns an und gaben uns mit Händen und Füssen zu verstehen, sie hätten selbst einmal eine Haiou (ʵ∑È∏•, chinesisch für Seemöve) besessen, oder zumindest jemanden gekannt, der eine hatte. Wir ruderten dazu stets mit den Armen und stiessen spitze Seemöven-Schreie aus (oder brünftige Hirschrufe, je nach Interpretation), was für viel Gelächter sorgte. Wir hatten auch keinerlei Probleme, von vielen Menschen Portrait-Bilder machen zu dürfen. Sie schauten stets zuerst uns und dann die Kamera an und begannen dann breit zu grinsen.

Jetzt kann ich kaum auf die Bilder warten. Am Dienstagnachmittag können wir sie abholen, und unsere Spannung wird noch dadurch gesteigert, dass sich in einer meiner beiden Kameras noch eine alte Filmrolle befand. Wahrscheinlich ist nichs zu sehen darauf, aber wer weiss?

Hier gibts die Bilder am Mittwoch. Sofern es denn überhaupt Bilder gibt.

Tags: Allgemeines