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Leben, Reisen und Geniessen in China

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Guan Jun!

März 29th, 2008

Seit heute bin ich ein blauer Teufel, liebe Leserinnen und Leser. Ganz offiziell.

Mein Heimverein, der Shanghai Shenhua FC eröffnete heute Abend mit dem Schlagerspiel zweier Ex-Champions die Meisterschaft gegen Shenzhen Shangqingyin, und mir blieb irgendwie gar nichts anderes übrig, als den „Blue Devils“, dem offiziellen Fanclub Shenhuas, beizutreten. Ehrensache.

Der Deal sah folgendermassen aus: 300 Yuan (45 Franken) für Tickets zu sämtlichen 15 Heimspielen, dazu das aktuelle Trikot, ein Schal, ein Kalender und eine CD mit sämtlichen Fangesängen. Sweet.

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Neben Herrn Zhao, meinem angestammten Fussball-Partner (Sie erinnern sich), war auch Herr Da Wei mit von der Partie, ein Kollege von mir aus Cincinnati, von dem Sie noch viel lesen werden, und wir hatten uns schon früh beim Hongkou-Stadion eingefunden, um die Saisonkarten auch problemlos ergattern zu können.

Das „Büro“ der Blue Devils lag im zweiten Stock eines Hotpot-Restaurants und mutete entsprechend halbseiden an, die Fenster waren vom Dampf, der von den Tischen hochstieg, stark beschlagen, ausserdem wurde geraucht und Bier getrunken und rumgejohlt. Wir waren begeistert. Ein echter Fussball-Fanclub, mitten in Shanghai.

Nach ein paar Formalitäten hatten wir die Tickets im Sack und machten uns auf ins Stadion. Auf der Strasse herrschte reges Treiben, im Stadion drin verteilten sich die Zuschauer allerdings ziemlich, ich schätzte das Publikum auf knapp 10’000 Nasen. Unserer blendenden Stimmung tat das natürlich keinen Abbruch.

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Blendende Laune: Herr Zhao und (insbesondere) Herr Lu

Das Spiel selbst verlief eigentlich ziemlich ähnlich wie bei meinem geliebten FC Luzern. Zuerst wurde die chinesische Nationalhymne gespielt (ja, ok, es gab ein paar Unterschiede), danach sorgten wir (!) Blue Devils für Radau in den Kurven, während sich die Haupttribüne in nobles Schweigen hüllte.

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Ziemlich überraschend fand ich die Tatsache, dass man hier in China dieselben Melodien singt wie in Europa, und überdies ähnliche Choreografien und Rituale kennt. Es gibt einen Typen, der ununterbrochen Anweisungen in ein Megafon brüllt, und ja: natürlich tut er das oben ohne. Das scheint ein universeller Code unter diesen Megafon-Dudes zu sein.

Auch hier wird der Gegner verflucht („Shenzhen Shabi!“ – Shanghainese für „Shenzhen Vollidioten!“), der Schiedsrichter beschimpft („Hei Shao!“ – „schwarze (bestochene) Pfeife!“) und die eigene Mannschaft ununterbrochen hochgelobt („Shenhua Guan Jun!“ – „Shenhua Champions!“). Grossartig.

Zu den Absonderlichkeiten gehörten eine lange Bank mit 30 nebeneinandersitzenden Militärs, eine Kurzbank mit Medizinpersonal in knielangen weissen Kitteln, ein Fansong namens „Campiooooni, Campioooooni!“ sowie die Tatsache, das es im Stadion praktisch keine Verpflegungsmöglichkeiten gibt. Wehmütig dachte ich an meinen obligaten Pausen-FCL-Schüblig.

Absoluter Knüller des Spiels war aber eine zehnköpfige Blasmusik, die sich im unteren Teil der Haupttribüne versammelt hatte.

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Das Ensemble verfügte nicht nur über poppige Stirnbänder, sondern auch über einen eigenen Dirigenten. Sie sehen den Mann in Schwarz vorne mit dem Rücken zum Spiel. In regelmässigen Abständen, meist dann, wenn das Spiel gerade durch eine flaue Phase lief, forderte der Maestro seine Mannen mit resoluten Handbewegungen dazu auf, ein kurzes Intermezzo zu spielen. Das bevorzugte Stück der Band schien Ricky Martins WM-Knaller „La Copa De La Vida“ zu sein, ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Band überhaupt noch ein anderes Lied spielte.

Nun aber zum eigentlichen Geschehen. Shenhua fuhr im Auftaktspiel zur neuen Saison einen ungefährdeten 2-0-Sieg ein. Allerdings bezweifle ich, dass es sich bei Shenzhen, dem Meister von 2006, um einen echten Prüfstein handelte. Die Treffer erzielten Captain Du Wei per Kopf (hier gibts das Video dazu) und Yu Tao lässig im Liegen (hier anschauen).

Nach dem Spiel wurden sogar noch ein paar Signalraketen gezündet, sodass ich mich für einen kurzen Moment vor dem Luzerner Bahnhof wähnte.

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Da der überraschungsmeister der vergangenen Saison, Changchun Yatai, sowie die Mitfavoriten Beijing Guo’an, Dalian Shide und Shandong Luneng erst morgen Sonntag in die Meisterschaft einsteigen, hat sich Shanghai Shenhua fürs Erste den Platz an der Tabellenspitze gesichert.

Shenhua Guan Jun!

Tags: Allgemeines