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Leben, Reisen und Geniessen in China

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Eindrücke von weit weg (Updated)

Mai 13th, 2008

Eigentlich hätte ich heute über ein paar lustige Erlebnisse aus meinem Urlaub in Sanya berichten wollen, aber angesichts der Lage im Südwesten des Landes ist mir nicht danach. Von über 10′000 Toten ist inzwischen die Rede, viele von ihnen Kinder und Jugendliche, die sich zum Zeitpunkt des Bebens (14.28 Uhr Ortszeit) in Schulen aufgehalten hatten. Tragisch, schlicht tragisch. Mir fehlen die Worte.

Trotzdem will ich mich in diesem Eintrag dem schlimmsten Erdbeben widmen, das China in den letzten 30 Jahren erlebt hat. Auch wenn ich es hier in Shanghai nicht gespürt habe, so sind mir rund um das Thema doch ein paar Dinge aufgefallen.

1. Es spricht mal wieder niemand darüber. Ich war heute morgen vier Stunden an der Uni, und wenn ich das Thema nicht selbst zwei Mal eingebracht hätte, wäre wohl kein Wort gefallen diesbezüglich. Weder die ausländischen Studenten noch die Lehrer hielten es für nötig, das Thema zu disktutieren. Eine unserer Lehrerinnen beispielsweise antwortete auf die Frage, ob es ihrer Familie, die im Südwesten lebt, gut gehe, mit einem unbeschwerten Lachen. Klar, kein Problem. Sie erzählte, dass im lokalen Supermarkt die Dinge aus den Regalen gepurzelt seien, und fertig. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wie stark die Betroffenheit der Lokalbevölkerung hier in Shanghai ist, aber ein Thema, das den Alltag beherrscht ist das Erdbeben (noch) keineswegs.

EDIT 18:43 Ich habe inzwischen mit ein paar Leuten geredet und gemailt, die diesen Eintrag gelesen haben, und will vermeiden, dass ein falsches Bild entsteht. Es ist keineswegs so, dass das Thema absichtlich verschwiegen wird oder dass sich die Leute aus Gleichgültigkeit nicht dafür interessieren. Vielmehr gibt es viele Leute, die noch gar nicht davon erfahren haben (zB meine Schulkollegin Michelle, die erst heute Mittag davon erfuhr, als sie von der Uni nach Hause kam), oder die sich des Ausmasses der Katastrophe bisher nicht bewusst waren. Das hat mich überrascht, weil ich gestern bis spät in die Nacht hinein die News auf dem Netz verfolgt habe und mir sicher war, das Erdbeben wäre das grosse Thema heute. Auch die Reaktion meiner Lehrerin will ich keineswegs so verstanden haben, dass es ihr egal ist, was da passiert. Im Gegenteil. Aber es war eben auch nicht so, dass wir mit betroffenen Gesichtern eine Stunde lang unsere Fassungslosigkeit zum Ausdruck gebracht hätten.

2. Abergläubisch bis zuletzt. Mit grossem Erstaunen bin ich in vielen Internetforen auf Einträge von Chinesen gestossen, die sich länglich darüber unterhielten, dass diese Serie von Unglücken doch wirklich unglaublich sei – und das im Glück verheissenden Jahr 2008. Die Acht ist bekanntlich eine Zahl, die Glück und Reichtum erwarten lässt, und weil 2008 auch das Jahr der so sehnlichst erwarteten Olympischen Spiele ist (die übrigens am 8.8.08 beginnen), konnte es eigentlich nur ein überglückliches Jahr werden. “According to Chinese superstition, earthquake is ominous foretelling something big and bad is up”, schrieb ein Kommentator gestern Abend in einen chinesischen Blog. “First the snowstorm trapped millions, then the deadly disease infected hundreds of thousands, now the earthquake is shaking millions. What is next? Anyone dare to visit Beijing during Olympics?” Ein anderer Kommentator antwortete ihm: “(…) I do see some grain of truth in your posting. Having initially being considered the most auspicious year in the new millennium, 2008 has in reality turned out to be the most horrible one so far.” Dabei habe ich mich gefragt, was passiert wäre, hätte diese Serie von Ereignissen im “unglücklichen” Jahr 2004 stattgefunden.

3. Infos nur via Internet. Heute morgen habe ich realisiert, dass es sich beim gestrigen Erdbeben um das erste global bedeutsame Disaster handelt, über das ich mich ausschliesslich per Internet informiere. Tsunami, 9/11, SARS – stets bestand die erste Handlung darin, den Fernseher einzuschalten. Ich habe seit gestern Nachmittag keine zehn Minuten in die Röhre geschaut. Die chinesischen Kanäle verstehe ich kaum, und die englischsprachigen Kanäle versprühen den leicht angestaubten Charme von Schulfernsehen aus den Achtziger Jahren. Ich merkte erst heute Morgen, dass mir überhaupt gar nie die Idee kam, den Fernseher einzuschalten.

4. Spannend auch, wie allgegenwärtig Twitter plötzlich war. Unglaublich, wie viele Twitter-Links ich zugeschickt bekam, und wie viele Mainstream-Medien sich in ihrer Berichterstattung auf Informationen aus Twitter-Nachrichten bezogen. Diverse Twitter-Nutzer berichteten auch davon, wie sie aufgrund ihrer Berichterstattung via Twitter von TV und Presse kontaktiert und interviewt worden seien. Erleben wir hier eine medientechnische Revolution – mitten in einer humanitären Katastrophe?

Tags: Allgemeines