Gestern machte ich einen Spaziergang durch meine Nachbarschaft, da ich zur Post musste, um ein paar Briefe mit Chinablog-Preisen aufzugeben. Klingt banal, war aber ziemlich anstrengend. Denn wo kauft man hier Couverts? Briefmarken? Wo gibts eine Post? Wie sieht die Post überhaupt aus? Keine Ahnung.
Gutschweizerisch wie ich bin, sagte ich mir: Ab i’d Migros. Im Supermarkt gibts schliesslich alles. Die Migros heisst hier NongGongShang (NGS), und liegt direkt gegenüber von unserem Wohnhaus. Leider, so musste ich feststellen, gibts ausser den klassischen Ess- und Kreuchwaren nur Haushaltsgeräte, etwas Geschirr und Putzutensilien. Im hintersten Winkel fand ich eine Art Papeterieregal, mit Jasskarten, Notizheften, Ping-Pong-Schlägern und Kugelschreibern. Auch ein paar Back-Too-School-Utensilien gab es da, und ich machte mir eine Mental Note, meinem Sohn, sollte ich denn mal einen haben, zu seinem ersten Schultag dieses Etui zu schenken.

Friedenstruppen sind schliesslich eine gute Sache.
Aber hatten die nicht ein anderes Logo?
Egal. Der Besuch im NGS klärte mich über die Einkaufsverhältnisse im Reich der Mitte auf. Der Diversifikationsprozess, wie man ihn bei uns in voller Blüte bewundern kann (Handys am Postschalter und so), hat hier noch nicht stattgefunden. Im Supermarkt gibts Esswaren, am Kiosk Zeitungen, beim Fruchthändler Orangen und Zitronen. So ist das. Alles ganz geordnet.
Und wo kaufe ich einen Bilderrahmen?, fragen Sie jetzt verzweifelt. Ein kleines Schloss für meinen Koffer? Einen Rollstuhl?
Die Antwort lautet: Nicht beim Generalisten, sondern beim Spezialisten.
Wandern wir doch mal gemeinsam durch die Changshun Lu, das kleine Gässchen, welches an unser Haus angrenzt. Da gibt es Spezialisten für…

Decken und Teppiche,

Schlüssel und Schlösser,

Holzverarbeitung,

Wasser,

Reis,

Fisch (auch wenn ich bei genauerem Hinsehen meine Eglifilets lieber anderswo kaufe),

(möglichst weit weg von hier),

Sanitäre Einrichtungen,

Haushaltswaren,

Gehhilfen und Rollstühle,

Früchte,

Tee, Öl und Zigaretten

und Metallverarbeitung.
Bitte bedenken Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Changshun Lu ist ein kleiner Blinddarm im Strassengewirr Shanghais, ein munziges pars pro toto. Aber es zeigt, dass der Detailhandel hier noch im wörtlichen Sinne verstanden wird. Supermärkte sind ein neuartiges Phänomen, wer Fisch braucht, geht zum Fischhändler, wer ein Türschloss braucht zum Schlosser, und wer einen Bilderrahmen braucht, lässt sich einen machen. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum sich Carrefour (Jia Le Fu) in den Städten so grosser Beliebtheit erfreut: In diesen Supermärkten gibts ALLES, vom Elektrovelo über Ginseng-Wurzeln bis hin zu wattierten Pijamas (jaja, fragen Sie mal Frau Xie). Ein neuartiges, ja revolutionäres Konzept für China.
Zeit wird auch hier zum ökonomischen Faktor.
Oh, den gut aussehenden Frühlingszwiebelfladenbrater von der Changshun Lu hätte ich beinahe vergessen.

Der sieht ein wenig aus wie Brad Pitt auf Chinesisch, gäuet, meine Damen?
Henusode. Auf jeden Fall hatte ich am Schluss meine Couverts gefunden, und stand, etwas ratlos an einem bräunlichen Umschlag leckend, auf der Strasse, als mich ein gackernder Chinese auf die letzte Kuriosität dieses kurzen Ausflugs hinwies:

In China sind die Umschläge weder selbstklebend noch schleckklebend.
Man leimt sie einfach zu auf der Post.
Bestimmt gibts irgendwo einen Spezialisten für Briefumschlagleim.





