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Abgestempelt

Februar 26th, 2008

Langsam, liebe Leserinnen und Leser, wird das hochoffiziell hier.

Seit gestern Morgen bin ich Besitzer eines exklusiven, absolut einmaligen CASHdaily-Stempels, angefertigt im Auftrag der Lokalregierung meines Wohnbezirks.

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Es ist nämlich so, dass ich nicht einfach als CASHdaily-Korrespondent hier einreisen und lustig sein kann, ich muss vielmehr eine Firma eintragen lassen: Das CASHdaily China Correspondents Office. Dafür wiederum musste ich eine Lizenz lösen (viele Formulare, viele Papiere) und einen offiziellen Stempel (noch mehr Formulare, noch mehr Papiere) anfertigen lassen. Der Stempel ist sowas wie die Unterschrift hier, schon auf der Bank ist mir aufgefallen, dass die Mitarbeiter die Dokumente nicht unterzeichnen, sondern mit persönlichen Stempeln bedrucken.

Um meinen Stempel anfordern zu können, musste ich aber zuerst eine Press Card in Beijing beantragen (Formulare, Papiere, Sie wissen schon…), einen Gesundheitscheck machen (Bluthochdruck und so) und mich auf dem Polizeiposten meines Wohnbezirks blicken lassen. Und dann sonst noch ein paar Dinge, aber das genügt, um ihnen die babuschkamässige Struktur des Prozesses zu erläutern.

Als ich meinen Stempel am Freitagmorgen abholen wollte, passierte noch etwas Denkwürdiges. Ich setze mich brav um 10 Uhr an den Schalter des Polizisten, der mir am Vortag geholfen hatte, den Stempel auszuwählen, zu designen und zu bestellen. Als er mich sah, machte er ein strenges Gesicht und gab mir zu verstehen, der Stempel sei nun aber gar nicht nach seinem Gusto ausgefallen. Asymmetrisch und unausgewogen und whatnot. Mir war es ehrlich gesagt scheisspiepegal, wie der Stempel aussah, ich respektierte aber seinen Wunsch und liess mir einen neuen Stempel designen. Plötzlich waren diverse Leute da (unter anderem der Amtsdirektor, wie sich später herausstellen sollte), die alle mitdiskutierten, wie mein Stempel aussehen muss, was wo in welcher Sprache stehen und wie angeordnet sein sollte. Mir kam das Ganze spanisch vor, aber ich nickte heftig und war von sämtlichen Vorschlägen stets hell begeistert.

Nach einer halben Stunde hatte ich einen neuen Stempel bestellt und den Auftrag gefasst, am Montag wieder vorbei zu kommen. Na toll, dachte ich. Eigentlich hätte ich lieber einen hässlichen Stempel, dafür einen halben Tag gespart. Aber nix da. Wenn schon, denn schon. Ob ich noch rasch zum Ministerium mit rüberkommen könne, fragte mich eine der beiden übersetzerinnen, die nun auch plötzlich um mich herumschwirrten. Man würde mich gerne ganz kurz zu meiner Zufriedenheit mit der Dienstleistung der zuständigen Dienststelle befragen. Klar, sagte ich, und wir machten uns auf den Weg.

Ich wurde in ein Sitzungszimmer gebeten, in dem auch der Amtsdirektor Platz nahm. Es sei drum so, liess er übersetzen, die Regierung meines Stadtbezirks gehe völlig neue Wege in Sachen Infrastruktur. Alle √Ñmter seien sehr zentral organisiert, wenn jemand eine Firma anmelden und einen Stempel machen lassen müsse (so wie ich), sei das im Vergleich zu anderen Stadtbezirken Shanghais geradezu ein Musterbeispiel an Effizienz. Ich richtete ihm aus, dass ich auch tatsächlich sehr zufrieden gewesen sei mit meiner Behandlung, und wir tauschten noch ein paar Nettigkeiten über China und die Schweiz aus.

Es sei sogar so, sagte er plötzlich, dass das Fernsehen vorbei kommen wolle um einen Beitrag über die moderne Struktur der Bezirksregierung zu machen. Oha, zeigte ich mich beeindruckt, und ahnte, was sogleich folgen würde.

Ob es mir etwas ausmachen würde, dem Fernsehteam ein paar Fragen zu beantworten, fragte die übersetzerin.

Ich machte ein ernstes Gesicht, und erklärte, dass es mir ein Vergnügen wäre. Kurze Zeit später war ein junges, etwas hektisches TV-Team vor Ort, das sämtliche Mitarbeiter in nervöse Aufregung versetzte. Um nicht noch mehr meiner kostbaren Zeit zu verschwenden (so das offizielle Wording), wurde die Szene mit dem Ausländer gleich zu Beginn gedreht. Ich setzte mich wieder zu meinem Polizisten an den Schalter, und er forderte mich resolut zur Präsentation meiner Papiere auf, während um uns herum die Kameras surrten. Danach musste ich ein paar Fragen der jungen TV-Journalistin beantworten, die sich sichtlich verwirrt zeigte, als sie realisierte, dass ich ebenfalls Journalist bin. Warum ich mich denn hier registrieren müsse, fragte sie. Ob ich eine Zeitung gründen wolle? Nein, ich sei nur Korrespondent hier, entgegnete ich. Aha, sagte sie. Hm, sagte ich.

Kurze Zeit später stand ich wieder auf der Strasse, noch immer ohne Stempel, dafür um eine Erfahrung reicher.

Die wahre Lektion realisierte ich erst eine Stunde später. Mann!, dämmerte es mir plötzlich, das war doch alles bloss eine grosse Inszenierung. In der Retrospektive schien alles so logisch. Der Direktor, der sofort auf mich zugesteuert kam, als ich um 10 Uhr das Gebäude betrat. Die übersetzerinnen. Die Zeitverzögerung aufgrund des falschen Stempels. Das TV-Team, das per Zufall um 10.30 Uhr vorbei kam. Ich blieb mitten auf der Strasse stehen und musste laut lachen. Nun denn. Meine Bezirksregierung hat ihre Werbung bekommen. Ein laowai, der mit treuem Hundeblick in den Abendnachrichten die Effizienz der Arbeitsabläufe lobpreist. Die müssen sich high five gegeben haben hinter den Kulissen.

List ist eine Tugend in China. Das schreibe ich mir dick hinter die Ohren.

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